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Pressestimmen

Der Tagesspiegel, 09.05.2011

Feurig: Berliner Operngruppe mit „Maria di Rohan“ im Radialsystem

Eine Frau steht zwischen zwei Männern, sie liebt nur den einen, der andere aber ist ihr Ehemann. In „Maria di Rohan“ dampft Donizetti Weltpolitik, das Gerangel zwischen Kardinal Richelieu und Ludwig XIII., auf ein seelendramatisches Kammerspiel ein. Íride Martínez verkörpert in der konzertanten Aufführung der Berliner Operngruppe im Radialsystem diese zerrissene Frau, anrührend, zerbrechlich, mit glühendem, flexiblem Sopran. Jesús León als Liebhaber trumpft mit silbriger Mittellage, wird aber in der Höhe eng, Robert Hyman strahlt als betrogener Gatte mit schwarzem Bariton.

Sein Gesicht verwandelt sich zur Fratze, als sich die Erkenntnis wie Gift ausbreitet: Sie liebt ihn nicht. Christine Knorren singt das Lästermaul Armando mit feurig-tiefem Alt. Das Werk ist reich an Farben und Stimmungen – unverständlich, warum es von den Spielplänen verschwunden ist. Dirigent Felix Krieger, der die Operngruppe gegründet hat, hält die Fäden zusammen, das Orchester – gemischt aus Amateuren, Studierenden und Profis – macht seine Sache gut, auch wenn der letztes Biss noch fehlt. Wichtig sind die Begeisterung und der Ernst, mit dem die Musiker schwierige oder vergessene Stücke wiederaufführen – leider nur einmal im Jahr.

Udo Badelt

Der Opernfreund, 8.5.2011

Oper aus Leidenschaft

Seit 2007 besteht die nach dem Vorbild der von Colin Davis gegründeten Chelsea Opera Group gebildete „berliner operngruppe“ unter der Leitung von Felix Krieger, die ein- bis zweimal im Jahr konzertant ein selten gespieltes Werk aufführt. 2011 fiel die Wahl auf Donizettis „Maria di Rohan“, zu deren Aufführung man wie auch zuvor rennomierte Solisten eingeladen hatte, die mit den Laien, Semiprofis und Profis des Berliner Ensembles im Radialsystem zwischen Ostbahnhof und Spree auftraten. Kein Geringerer als der berühmte Baß Francesco Ellero d’Artegna hatte es übernommen, die überwiegend sehr jungen Sänger für die halbszenische Aufführung zu instruieren. Mehr als beachtlich war die Leistung von Felix Krieger, der das Orchester sorgfältig auf seine Aufgaben vorbereitet hatte, so dass das Ergebnis eines war, das auch einem Berufsorchester zur Ehre gereicht hätte. Dazu beeindruckte noch die sichtliche Spielfreude der ebenfalls jungen Musiker. Mit großem Einsatz leistete auch der Chor, einstudiert von Barbara Kler, Beachtliches.

Bei den Solisten war man am gespanntesten auf Iride Martinez in der Titelpartie gewesen, die immerhin schon Lucia an der DOB gesungen hatte. An diesem Abend gelang es ihr nicht, die Ensembles zu beherrschen, war sie zu sparsam im Einsatz ihrer stimmlichen Mittel, auch wenn sie mit einem weichen Tonansatz, schönem Legato und in der Cabaletta mit aufblühendem Jubelton erfreute. Auch das Morendo am Schluß ihrer Arie gehörte zu den angenehmsten Eindrücken des Abends, nicht aber das ewige Blättern im Klavierauszug. Ganz anders verhielt sich da Christine Knorren in der Hosenrolle des Gondi, deren Mezzo von besonders schöner Farbe ist, die allerdings noch in die zwei tiefsten und die zwei höchsten Töne getragen werden muß. Ihr fehlt es nicht für die für eine Bühnenkarriere notwendigen Grinta und das entsprechende Temperament. Voller Spielfreude zeigte sich ich auch der mexikanische Tenor Jesús León als Riccarco mit viel Schmelz und einer unterdrückten lacrima nella voce, einer Stimme von einheitlicher Farbe und mit sicherer Höhe. Einmal nicht war der Tenor die Schwäche einer Aufführung, sondern eine ihrer ganz besonderen Stärken. Wesentlich älter als seine Kollegen war der amerikanische Bariton Robert Hyman, der mit viel Vibrato, einer unangefochtenen Höhe und virilem Timbre einen erfahrenen Enrico sang, dem das Wissen um effektvolles Singen zugute kam. Aus dem Studio der Komischen Oper waren Ipca Ramanovic und Adam Cioffari für kleinere Partien als wirkungsvolle Unterstützung gekommen.

Man kann diesem verdienstvollen Unternehmen, als das sich die „berliner operngruppe“ etabliert hat, nur weitere Opernabende und damit verbundene Erfolge wie an diesem 8.5. wünschen.

Ingrid Wanja

Klassik-in-Berlin, 7.5.2010

Die berliner operngruppe wagt sich an Giuseppe Verdis Oberto

Der Falstaff sollte erst noch kommen, da blickte Verdi bereits auf 50 (zumeist) glanzvolle Jahre als Komponist zurück. Aus diesem Grund sollte auf einem Festival genau der Zweiakter aufgeführt werden, mit dem Verdi 1839 die Opernbühne betreten hatte. Aber der Jubilar zeigte sich von dieser Idee alles andere als begeistert: Das heutige Publikum werde sich "in höflicher Stille langweilen" - so die abfällige Meinung Verdis über das eigne Erstlingswerk (welches bei der Uraufführung so erfolgreich war, dass Verdi einen Vertrag für drei weitere Opern erhielt). Apropos Erstling: Ob Oberto nun wirklich Verdis Numero Uno ist, darüber zanken sich die Historiker bis heute. Die einen halten Rocester für verschollen und das wahre erste Werk Verdis, andere meinen, dass Rocester ein paar Änderungen erhielt und sich fortan Oberto nannte. Der Künstler selbst äußerte sich dazu höchst widersprüchlich. Einig ist man sich aber in einem Punkt: Zur offiziellen Aufführung gelangte nur Oberto. Heute ist diese Jugendsünde Verdis nahezu vergessen, was an der schwachen Dramaturgie und einem wunderbar anspruchslosen Libretto (Antonio Piazza / Temistocle Solera) liegen mag. In der Partitur jedoch stößt man vereinzelt auf komplexe Muster, die schon an Spätwerke wie Don Carlo oder Otello erinnern (nachzuhören in der mitreißenden Aufnahme von Sir Neville Marriner).

Ist Oberto das passende Stück, um sich als berliner operngruppe der Öffentlichkeit vorzustellen? Oh ja! Dirigent Felix Krieger krempelt die Ärmel hoch, versammelt Profis und Laienmusiker (zum Lernen voneinander) und bringt mit ihnen - nach emsiger Probenarbeit - ein Kleinod zum Leuchten. Wer über Dissonanzen im Orchesterklang und inhomogene Chorstellen mosern würde, verkennt den Sinn dieses Projektes. Was sich hier vereint, ist die Leidenschaft am Musizieren. Und genau das steckt in diesem Abend: viel Idealismus. Krieger wacht hochkonzentriert über das Geschehen und hält den Apparat zusammen. Leonardo Gramegna ist ein waschechter Spinto in Macho-Manier. Sein Riccardo weist eine herrlich italienische Diktion, satten Schmelz und gehörig Volumen auf: Gut gebrüllt, Löwe! Ihre höhensichere, kraftvolle Leonore macht deutlich: Christine Knorren, eigentlich Mezzo, sollte unbedingt öfters den Ausflug ins hochdramatische Sopranfach wagen. Und auch die sanft orgelnde, gefühlvoll ausformende Katja Lytting (Cuniza) würde man gern einmal auf großer Hauptstadtbühne wiedersehen. Ausgerechnet der Sänger mit der beachtlichsten Biografie hat einen Hänger: Francesco Ellero d'Artegna kann charmant agieren, gekonnt phrasieren und ein kerniges Timbre sein eigen nennen, aber einmal ist er so richtig schön raus. Die semiszenische Umsetzung könnte dezenter von statten gehen (Ist es unbedingt notwendig, den toten Oberto reinzutragen und zwischen Sängerpulten abzulegen?) und das Radialsystem ist - so groovy die Location auch sein mag - für Oper eher ungeeignet. Und dennoch: Das große Ganze stimmt. Kommt bald wieder!

Heiko Schon

Neues Deutschland, 5.5.2010

Doppeltes Debut

In Berlin gibt es zahlreiche Chöre und Orchester. In manchen treffen sich Laien, in anderen Profis. Doch bleiben diese beiden Sphären normalerweise streng getrennt. Um zu erleben, dass sich Vertreter beider Gruppen zum gemeinsamen Musizieren und Singen vereinen, musste man bislang nach London reisen. Dort existiert seit 1950 die Chelsea Opera Group, die in ihren Aufführungen Amateure, Berufsmusiker und professionelle Solisten zusammenbringt.

Warum sollte dieses Modell nicht in Berlin funktionieren? Das fragte sich der Dirigent Felix Krieger, der gelegentlich am Pult der Londoner Gruppe steht. Schon vor drei Jahren gründete der 37-Jährige den Verein »Berliner Operngruppe«. Jedoch ging Zeit ins Land, bis Sponsoren und Fördergelder beisammen waren. Am vergangenen Montag fand schließlich im Radialsystem die erste Aufführung der Berliner Operngruppe statt.

Es passt, dass man für diese Premiere auch das Operndebüt eines Komponisten gewählt hat. »Oberto, Graf von San Bonifacio« ist die erste Oper von Giuseppe Verdi. Mit diesem Stück begann der 26-Jährige 1839 seine Karriere an der Mailänder Scala – immerhin mit solch einem Erfolg, dass er gleich einen Auftrag für drei weitere Opern erhielt.

Die Qualität der Musik ist noch recht schwankend. Jedoch ließ die schwungvolle und engagierte Darbietung der Berliner Operngruppe bereits den zukünftigen großen Opernkomponisten erkennen. Hier agieren lebendige Menschen, keine Figurenschablonen. Und Verdi beeindruckt bereits durch sein Genie als Melodienerfinder und durch den Sinn für Dramatik. Die Handlung um einen mittelalterlichen Ritter, der für die Ehre seiner Tochter im Duell stirbt, ist jedoch dürftig und verworren. Die Operngruppe hat daher gut daran getan, sich auf eine konzertante Aufführung zu beschränken. Zumal die Gefahr eines eintönigen Rampengesangs erfolgreich umgangen wurde: Die Solisten sangen meist auswendig; sie bewegten sich frei auf dem Podium und verfielen dabei häufig in ein szenisches Spiel. Diese fünf Sänger waren natürlich allesamt Profis, denn die italienische Belcanto-Oper funktioniert nicht ohne gute Stimmen. Als Glücksgriff erwiesen sich vor allem der Bass Francesco Ellero d'Artegna in der Hauptrolle des Oberto und der Tenor Leonardo Gramegna als sein Rivale Riccardo. Die beiden verbinden Stimmkraft und Belcanto-Schmelz mit einer ganz natürlich wirkenden Emphase. Da kommt nicht einmal Kitsch-Verdacht auf, wenn Gramegna nach seinem Mord an Oberto neben der Leiche im Gebet auf die Knie sinkt.

Leider gab es nur eine einzige Aufführung; in Zukunft plant die Operngruppe zwei Projekte pro Jahr. Darauf darf man gespannt sein, denn schon bei diesem Debüt ließ sich feststellen, dass die Vereinigung von Profis und Amateuren eine ganz besondere Energie freisetzt. Die einen steuern Erfahrung und technisches Können bei, die anderen ihren Enthusiasmus, der bei der professionellen Arbeit manchmal auf der Strecke bleibt. So spornt man sich gegenseitig an.

Das Ergebnis wurde mit begeistertem Applaus bedacht.

Antje Rößler